Wolf Pracht ist Stammgast im Restaurant von Nanni und Maria Sagheddu im beschaulichen Puderbach. “Die beiden haben die italienische Kultur in den Westerwald gebracht”, sagt er. Die Geschichte der beiden Sardinier ist eine sehr lange und man könnte sicher ein Buch darüber schreiben. So interessant ist sie. Das Interview in ihrer Pizzeria “Il Nuraghe” war mit Abstand das längste, das wir auf unserer Reise geführt haben. Wir versuchen mal, die wichtigsten Punkte in diesem Blogbeitrag in gekürzter Form zu umreißen
. ;-)

Kennengelernt haben sich die beiden in Sardinien. Maria war 17 Jahre alt als der damals 24-jährige Nanni einige Installationsarbeiten für ihren Vater im sardischen Elternhaus übernahm. “Es war Liebe auf den ersten Blick”, sagen beide unisono. Bei den Renovierungsarbeiten passiert Nanni ein Missgeschick. Ihm fällt eine Zange auf den Boden, was eine Macke in den frisch gelegten Fliesen hinterließ. Marias Vater behielt 20.000 Lire ein und sagte: “Du bekommst das Geld, wenn die Macke behoben ist.” Das war kurz vor der Abfahrt der gesamten Familie nach Deutschland. Ausgerechnet am Tag der Abfahrt taucht Nanni am Haus der Familie auf. “Der Vater rief noch aus dem oberen Stockwerk: Der bekommt kein Geld von mir.” Nanni war aber gar nicht an den 20.000 Lire interessiert. Er wollte mehr. Er wollte seine Tochter Maria.

Die Familie reiste nach Deutschland und Nanni drei Jahre später nach. “Ich wollte bei Maria sein. Sie näher kennen lernen”, sagt er. Und die drei Jahre Trennung überstehen sie auch. Der großen Liebe tut es keinen Abbruch. Weihnachten macht Nanni seiner geliebten Maria im Kreise ihrer Familie einen Heiratsantrag. Doch zusammenziehen dürfen die beiden da noch nicht. So will es die sardische Tradition. “Unverheiratet durfte man in unseren Familien nicht zusammenziehen”, erklärt der heute 57-Jährige.

In der Zwischenzeit ereilt Marias Familie ein Schicksalsschlag. Ihr Haus brennt völlig ab. “Wir standen plötzlich mit leeren Händen da”, erinnert sich Maria. Da habe sich erstmals sehr deutlich die Hilfsbereitschaft der deutschen Mitbürger gezeigt. “Der ehemalige Chef meines Vaters hat uns sofort eine neue Wohnung organisiert. Fast jeder im Ort hat geholfen und uns mit dem Nötigsten versorgt: Kleidung, Möbel, Lebensmittel. Wir konnten gar nicht dankbar genug sein.” Ein erstes deutliches Anzeichen dafür, dass die Italiener im Kreise der Deutschen akzeptiert wurden. Als eine von ihnen. Maria hat Tränen in den Augen, als sie von den Improvisationskünsten ihres Vaters berichtet. “Er hat nicht nur damals in den schweren Stunden viel, sehr viel für unsere Familie getan.”

Stammgast Wolf Pracht (er schlug uns Nanni uns seine Familie als Teilnehmer vor)

Und dann wird geheiratet. “Wir waren 650 Personen und feierten auf drei Etagen im Rohbau meines Bruders”, sagt Nanni. Und Maria erinnert sich noch an das Versprechen ihres frisch Angetrauten: “In den Flitterwochen wollten wir eigentlich nach Rom. Stattdessen haben wir gearbeitet. Nach 25 Jahren Ehe haben wir es endlich nach Rom geschafft.” Ja, Nanni hat viel gearbeitet. Als Installateur in einem Krankenhaus in Wolfsburg, später hat er auch in der Gastronomie geholfen. Eines Tages wollte er zusammen mit seiner Frau ein eigenes Restaurant eröffnen. “Meine Kollegen haben damals sehr über die Kochkünste meiner Frau geschwärmt”, berichtet der 57-Jährige. Und an dieser Stelle sei auch gesagt, dass wir an diesem Tag die mit weitem Abstand BESTEN Nussecken ever gegessen haben. Maria gab sie uns als Wegzehrung mit. “Komplett selbst gemacht”, sagt sie. Dafür alleine lohnt es sich schon, in deren Restaurant in Puderbach aufzuschlagen.

Wie auch immer, Nanni erzählt uns von seinem Glück, wie er an das heutige Restaurant gekommen sei. “Wir haben sehr viel Arbeit in die Renovierung des Restaurants gesteckt. Zeit und Geld. Plötzlich sollte das Haus zwangsversteigert werden, weil der Vermieter in massiver Finanznot geriet. Und wir sahen schon unsere Felle davon schwimmen. Doch die hiesige Bank gewährte uns einen Kredit über 316.000 Euro und unsere Existenz war gesichert”, erklärt Nanni. Heute führen sie laut Stammgast Pracht “das erfolgreichste und beliebteste Restaurant in der Region”.

Und das nicht nur wegen des hervorragenden Essens. Alleine schon das Ambiente des italienischen Gasthauses vermittelt südländisches Lebensgefühl. An der Decke der im Vorbau befindlichen Eisdiele – die in zweiter Generation vom Sohn geführt wird – befindet sich ein von Hand gefertigtes Fresko. Nicht alles aus Italien kann Familie Sagheddu in den Westerwald bringen. Es sind die Dinge, die sie selbst auch sehr vermissen: das schöne Wetter, die Gelassenheit, die Geselligkeit.

Aber dafür schätzen die zugezogenen Italiener aus dem Westerwald die deutsche Pünktlichkeit, Genauigkeit und Klarheit, wie sie sagen. Ja, wir fühlen uns voll integriert. Die Leute aus der näheren Umgebung seien stolz darauf, dass sich die Sagheddus in ihrer Mitte wohlfühlen. In Sachen Integration seien keine Wünsche mehr offen. Der einzige Wunsch, der Maria Sagheddu umtreibt, ist: “Ich wünsche mir für meinen Sohn eine Frau, die ihm den Rücken freihält. Und mit ihm viele Enkelkinder für uns in die Welt setzt.” – Und wir überlegen, ob wir den Titel unseres Projektes in “Schwiegertochter gesucht!” ändern sollen.

Grazie! Für ein sehr interessantes und ausgiebiges Gespräch. Und natürlich für die super leckeren Nussecken! Wir kommen wieder. Versprochen! :-)