Leila de los Santos ist eine richtige Frohnatur. Ihr sanftes Lächeln steckt an. Man hat sofort gute Laune, wenn man ihr in die Augen schaut. Leila ist 61 Jahre, davon lebt sie 40 Jahre in Deutschland und ist Mutter von drei Kindern – Olaf, Fidel (Daniels Klassenkamerad zur Grundschulzeit) und Matreen. Ihre gebürtige Heimat trägt den exotischen Namen Pj Carjan Pagsanjan Laguna und liegt auf den Philippinen.

Dass Leila ihre „Hürden“ in Deutschland mit ausgesprochen gesundem Humor genommen hat, stellte sie eindrucksvoll durch ihre heitere Art im Gespräch mit uns unter Beweis. Dazu aber später mehr. Zunächst etwas zu ihrer Geschichte: Wir schreiben das Jahr 1971 als die junge Philippinin als Krankenschwester in unser Land kommt. „Deutschland hat Anfang der 70er Jahre pro Monat auf den Philippinen rund 3.000 neue Arbeitsplätze für Krankenschwestern ausgeschrieben. Ich habe mich beworben und bin angenommen worden“, berichtet sie uns – natürlich mit einem sympathischen Lächeln im Gesicht. Zusammen mit 31 anderen Frauen von den Philippinen startet sie ihre Karriere im damaligen Stadtkrankenhaus in Osnabrück. Nach einem kurzen Zwischenstopp in Münster verbringt sie 21 Jahre auf einer Dialysestation, zehn Jahre auf einer Intensiv-Abteilung und nun seit einiger Zeit auf der Kardiologie. „Ich bin ja schon etwas älter, da ist die Intensiv-Station nichts mehr für mich“, sagt sie.

Heimweh habe Leila eigentlich nie gehabt. „Unsere Schwester Oberin beim Krankenhaus hat regelmäßig Veranstaltungen für die philippinischen Angestellten organisiert. Einmal in der Woche machten wir einen Ausflug, bei der wir auch bewusst in Kontakt mit den Deutschen gebracht wurden, oft waren auch deutsche Kolleginnen und Kollegen dabei. Man kann sagen, wir wurden richtig gut betreut.“

Ob denn wirklich alles gut verlaufen sei, möchten wir wissen. „Nun, manchmal fühlte ich mich schon etwas ausgegrenzt, weil ich Schwierigkeiten mit der Sprache hatte“, erklärt sie uns. Und der sehr deutliche Akzent ist  auch nach 40 Jahren immer noch sehr präsent. Den regen Austausch in ihrer Landessprache hat sie regelmäßig telefonisch oder auch persönlich. Denn sie gehe die Angehörigen sehr oft im Urlaub besuchen.

Zurück in ihrer alten Heimat muss sie aber immer wieder feststellen, dass ein dauerhaftes Leben für sie dort nicht mehr in Frage kommt.  „Ich komme da nicht mehr wirklich klar. Obwohl mich fast alle dort kennen“, sagt sie. Mein Zuhause ist jetzt in Osnabrück.

Kann sie sich noch an den ersten Tag in Deutschland erinnern? „Ja, das vergesse ich so schnell nicht“, sagt sie und klopft mir mit der Hand auf mein Knie. „Es hat geschneit. Das erste Mal, dass ich Schnee gesehen habe. Zu allem Überfluss habe ich einen meiner Schuhe bei der Zwischenlandung in Paris im Treppenlift verloren. Der war futsch. Die waren einfach zu groß für mich und daher zu locker an den Füßen. Meine Eltern hatten nicht viel Geld und haben mir das günstigste Paar gekauft. Die gab es nur in der Größe“, erzählt sie. Und wieder ist das Lächeln da. ;-)

Und wie sei sie mit den Sprachproblemen umgegangen? Sie habe mit den Jahren immer mehr dazu gelernt. Einen großen Beitrag dazu leisteten dabei ihre drei Kinder, die perfektes Deutsch sprachen. „Bei uns wurde Zuhause auch nur Deutsch gesprochen“, sagt sie. Viel schöner sind aber die Anekdoten, die ihr zum Thema Sprache einfallen. Plötzlich wird die zierliche Frau ganz aufgeregt, lacht sogar ganz herzlich als sie uns davon erzählt, was ihr für Pannen schon aufgrund der mangelnden Sprachkenntnisse passiert sind.

 

 

Anekdote 1: Das Wau-Wau Futter

(c) preisvergleich.eu

Leila erzählt: „Damals haben wir in Osnabrück Hundefutter gekauft und gegessen.“ – An dieser Stelle sollte erwähnt werden, dass ihr Sohn Fidel mit seiner Tochter Luna dem Interview ebenso beiwohnte und nach diesem Satz nicht an sich halten konnte. Wohl wissend, dass das Interview auch mit der Videokamera aufgenommen wird und seine Mutter sich womöglich um Kopf und Kragen reden würde, verdrehte er reflexartig die Augen und stöhnt: „Oh, Gott!“. Aber Leila lacht herzerfrischend und erzählt weiter: „Ja, weil wir dachten es sei Corned Beef. Damals war ja keine Abbildung von einem Hund drauf. Irgendwann kam dann unsere Putzfrau mit ihrem Hund an und verfütterte das Dosenfleisch an ihr Tier. Erst da haben wir es erfahren. Wir konnten ja nicht lesen. Seitdem wird mir immer schlecht, wenn ich im Laden nur Hundefutter in den Regalen sehe.“

 

 

Anekdote 2:  Die „aktive“ Hautcreme

(c) www.becks24.de

„Weil wir nicht Deutsch lesen konnten, sind uns auch andere lustige Dinge passiert. Zum Beispiel haben wir im Einkaufsmarkt eine Creme gekauft, auf der zwei sich reibende Hände zu erkennen sind. Das hat uns vermittelt, dass die Creme gut für die Hände beziehungsweise für die Haut sein muss. Wir dachten es sei Körperlotion, also cremten wir uns an den Armen und Beinen damit ein. Und dann hat es geregnet und wir fingen plötzlich kräftig an den Armen und an den Beinen durch die Strumpfhose an zu schäumen.

 

 

 

 

Anekdote 3: Besuch aus Frankreich in der Bäckerei

„Die erste Zeit sind wir auch verarscht worden.“ Ihr Sohn Fidel zuckt erneut zusammen als er das Wort hört und fragt erstaunt: „Was?“ Leila grinst: „Ja, nur so zum Spaß. Die Ärzte haben mich zum Bäcker geschickt und mir einen Zettel mitgegeben. Da ich noch nicht so gut Deutsch konnte, habe ich der Bäckerin den Zettel in die Hand gedrückt. Darauf stand: Berliner, Amerikaner und Pariser. Ich sollte große Pariser kaufen, sagten mir die Ärzte. Also stand ich da in der Bäckerei und habe mit meinen Händen gestikuliert und gesagt: Große Pariser. Große Pariser. Die Verkäuferin hatte gelacht und gesagt, die seien ausverkauft. Die Ärzte haben mich im Krankenhaus dann mit „April, April!“ begrüßt. Und selbst die Tradition kannte ich bis dahin nicht.“

Liebe Leila, vielen Dank für den kurzen, aber herrlich heiteren Abend. Und auch vielen Dank für das umfangreiche Lunchpaket (für die Leser: Es bestand aus typisch philippinischen Gerichten wie angebratene Nudeln und Frühlingsrollen). Es hat hervorragend geschmeckt!