Eigentlich ist Michalis Josing gelernter Sportjournalist. Und eigentlich gab es auch eine Zeit, in der er Deutschland den Rücken kehrte und nie zurück wollte. Heute steht der 39-jährige Grieche aber als Inhaber des beliebten Hamburger Restaurants „Dionysus“ hinter dem Tresen. Und er ist glücklich.

Bereits in den 70er Jahren zog es seine Mutter in unser Land, um ein griechisches Lokal zu führen. Michalis selbst blieb zurück in Griechenland. Bei seiner Familie. Bis er 19 war. 1989 folgte er dem Ruf seiner Mutter und verließ seine Heimat auf Kreta. „Ich habe eine Ausbildung zum Optiker begonnen, aber nicht abschließen können“, berichtet uns der zweifache Vater. Warum? „Ich hatte nichts, was mich hier gehalten hat. Im Gegenteil: Mir fehlte die Sonne, das besondere Licht, die Freunde. Nur meine Mutter war hier, ansonsten war ich allein. Es war einfach nicht meine Welt“, sagt er. Er sei depressiv geworden. Ein Zustand, den sein Freund (und heutiger Trauzeuge) mit Sorge von Griechenland aus beobachtete. Kurzerhand organisierte dieser Freund einen Rückflug in die Heimat. Das war 1992.

In Athen widmete er sich seinem Studium zum Sportjournalisten, verdiente sein Geld mit einem Job in einem Nachtclub. „Ich habe ein paar Jahre dann als Journalist gearbeitet und irgendwann doch noch einmal überlegt, ob ich einen neuen Versuch in Deutschland wagen sollte.“ Gesagt, getan. 1997 zog es ihn wieder an die Alster. Alles habe viel besser funktioniert. „Ich bin erwachsener geworden, das hat vieles einfacher gemacht.“ Beim Sprachkurs im Goethe-Institut lernte er schließlich seine Frau kennen. Seine Energie steckte Michalis zunehmend in das Restaurant seiner Mutter. Renovierte das Lokal während der ihrer Abwesenheit – „Es war eine Überraschung für sie“ – und übernahm bald ganz die Geschäfte des Restaurants.

„Ich wollte mich als Gastronom durchsetzen. Mit einer neuen Idee.“ Er setze ein neues Konzept um. Statt „Zyklopen“-Platte servierte der smarte Grieche Tapas. „Naja, war schon eine Umstellung, besonders für die Stammgäste. Die ersten beiden Jahre nach der Einführung des neuen Konzeptes waren sehr schwierig. Aber meine Geduld hat sich ausgezahlt“, sagt er und berichtet nicht ohne Stolz, dass das „Dionysus“ das älteste griechische Restaurant Hamburgs sei, das über eine so lange Zeit unter der gleichen Familie geführt werde.

Geduld und Zeit sind zwei Dinge, die er hierzulande noch vermisse. Das sei auf Kreta ganz anders. „Dort haben die Menschen weniger Stress, weil sie eben mehr Zeit haben.“ Es gebe aber auch etwas, was sich Griechenland von Deutschland abschauen könne. Und jetzt kommt’s: „Bürokratie ist nicht immer schlecht“, betont Michalis. „Das deutsche System ist sehr gut. Und alle Landsleute, die ich kenne, sehen das genauso. Wenn die Griechen ein solches System hätten, sie würden heute nicht in der Finanzkrise stecken“, ist er überzeugt. Natürlich werde die Finanzkrise auch mal im Restaurant von den Gästen thematisiert. Die Bemerkungen seien aber unterhaltsam und „nicht böse gemeint“.

Den direkten Draht zu Freunden und Familie in der Heimat hält Michalis übrigens per Social Media. „Wenn möglich kommuniziere ich jeden Tag via Skype oder Facebook“, sagt er. Daher wisse er auch, wie die Stimmung tatsächlich auf Kreta und im Rest des Landes sei. „Was wir hier in den Medien manchmal serviert bekommen, entspricht nicht immer der Wahrheit. Die positive Einstellung gegenüber den Deutschen hat sich nicht wirklich verschlechtert.“ Und spielt dabei auf die jüngst erschienene griechische Sportnachricht mit dem Konterfei Adolf Hitlers (das neben dem Bild von Dortmunds Trainer Jürgen Klopp platziert wurde) an, die „von einer unbedeutenden griechischen Zeitung ohne nennenswerte Reputation veröffentlich wurde.  Aber hier in Deutschland als ernst zu nehmender Artikel die Runde machte“. Die Stimmung sei also nahezu unverändert. Was gut sei. Denn schließlich wird Josing in Griechenland als Deutscher bezeichnet – und umgekehrt in Deutschland als Grieche. „Wenn man es so sieht, habe ich zwei Zuhause. Das finde ich toll!“