„Wie ich heiße und woher ich komme, sind die ersten Dinge, die ich auf Deutsch beantworten konnte“, sagt die junge Frau aus Madagaskar. Wir sitzen bei Nomenisoa Razananivo in der Küche. Es ist 6.30 Uhr in der Früh. Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee steigt uns in die Nase. Wir haben Brötchen mitgebracht. Die mag Nomeni besonders gerne. „Brot mag ich nicht“, sagt sie.

Die 26-jährige Madargassin (wir hoffen, dass das so richtig geschrieben wurde) ist unsere erste Interviewpartnerin auf unserer außergewöhnlichen Reise um die Welt in Deutschland. Die Nacht war kurz. Vieles musste noch auf den letzten Drücker von uns erledigt und getan werden. Vieles blieb noch ungeplant und unerledigt. Es wird ein sehr stressiger Trip. Dessen sind wir uns jetzt schon bewusst. Ausgeschlafener als wir wirkt Nomeni. Nachdem wir unsere Technik in Position gebracht haben, starten wir direkt ins Gespräch. Woher sie genau stamme und wie sie nach Deutschland gekommen sei, wollen wir wissen.

„Ich komme aus Tulear, das liegt im Südwesten von Madagaskar.“ Ihr Deutsch klingt relativ sicher, trotz des offensichtlichen starken Akzents. Was nicht weiter wundert, bedenkt man, dass Nomeni schon zu Schulzeiten auf der südlichen Halbkugel unsere Sprache gelernt hat. „Ich hatte einen Deutschkurs bei einer Professorin“ erinnert sie sich. Dennoch, als sie 2003 nach ihrem Abitur in Madagaskar das erste Mal zu uns nach Deutschland kam, reichten die Deutschkenntnisse nicht aus, um „barrierefrei“ mit den Deutschen ins Gespräch zu kommen. Der Liebe tat es keinen Abbruch. Sie lernte trotz Sprachprobleme ihren heutigen Mann Jürgen kennen – die beiden kommunizierten auf Französisch, der zweiten Amtssprache auf Madagaskar.

Nach einem mehrmonatigen Aufenthalt zwecks Intensiv-Sprachkurses kehrt die hübsche Madargassin wieder heim. „Doch irgendwie kam ich mir damals im eigenen Land schon fremd vor. Ich war lange weg und meine Freunde haben sich in andere Richtungen weiterentwickelt als ich.“  Sie fuhr zurück nach Deutschland. Hierzulande ist ihr Abitur nichts wert, zumindest ist die Anerkennung nicht vergleichbar mit einem deutschen Abitur. Die immer noch vorhandenen Sprachprobleme kamen noch hinzu. Nomeni entscheidet sich dafür ihre (deutsche) Fachhochschulreife auf der Abendschule nachzuholen. „Nur Deutschkurs wäre mir zu langweilig gewesen. Ich wollte gerne mehr Fächer haben.“ Tatsächlich habe sie auch anfangs richtig gute Noten gehabt. Schließlich habe sie den Lernstoff bereits in Madagaskar serviert bekommen. Aber das habe ihr nichts ausgemacht. Sie ging sogar sehr gerne zur Schule. „Das ist eine tolle Atmosphäre dort. Ich habe viele interessante Menschen kennengelernt und die Lehrer haben uns auch sehr gut geholfen.“

Aber es hat auch Hürden bei ihrem Integrationsprozess gegeben. Zum Beispiel, wenn sich einige andere Erwachsene in der Abendschule über sie und Mitschüler mit ähnlich schwachen deutschen Sprachkenntnissen lustig gemacht haben. Oder, wenn die Lehrer mit Ungeduld auf die abgehakte Lesetechnik der Abendschüler reagierten und abrupt und genervt einen anderen Schüler zum Vorlesen aufforderten. „Das könnte wirklich manchmal besser laufen“, sagt Nomeni.

Und was vermisst Nomeni – zehn Flugstunden von der Heimat entfernt – am meisten? „Meine Familie fehlt mir sehr. Vor kurzem bin ich noch dort gewesen und die Sehnsucht ist nun noch größer als zuvor. Auch, wenn es mir sehr gut hier gefällt.“ Außerdem vermisse sie die „Atmosphäre von Madagaskar“. Die Musik. Die Wärme. Die Spontaneität. „Bei uns Zuhause gehst du auf die Straße und fängst manchmal spontan an zu feiern“, sagt sie. Wir Madargassen haben schon ein besonderes Temperament. Ein Temperament, das sich auch schon bei ihrer sechsjährigen Tochter bemerkbar macht, wie sie sagt. „Ja, da sind unsere afrikanischen Wurzeln schon zu merken.“

Doch ganz zurück nach Madagaskar, das möchte keiner von beiden. „Deutschland ist unsere Heimat“, sagt Nomeni, die in Kürze zu einem Bewerbungsgespräch für die Ausbildung zur Krankenschwester eingeladen ist. In Madagaskar wollte sie gerne Kindergärtnerin werden. Ein Wunsch, der sich in Deutschland geändert hat. Das sei das Schöne an unserem Land. „Hier kann man alles lernen, was man möchte, wenn man sich auch wirklich bemüht. In meinem Heimatland geht das oft nur, wenn man Beziehungen hat“, betont sie.

Wir drücken ihr für das anstehende Gespräch auf jeden Fall kräftig die Daumen. „Veloma“, heißt es schließlich für uns nach knapp einer Stunde mit Nomeni. „Veloma“ ist das madargassische Wort für „Auf Wiedersehen“. Ja, wir freuen uns darauf!